Pro & Contra

Macht­wechsel?

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Ein Thema, zwei Meinungen: Verändert die Digitalisierung das Machtverhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerschaft? Wir haben zwei Experten gefragt, die es wissen müssen.

Ja …

… weil Schülerinnen und Schüler bei der Digitalisierung zumindest in der Anwendung einen natürlichen Wissens- und Kompetenzvorsprung haben. Durch die Nutzung von Tablets, modernen Lernplattformen und KI im Unterricht sind Lehrkräfte plötzlich nicht mehr nur in der Rolle, Lernende auszubilden. Sie müssen gleichzeitig bereit sein, auch umgekehrt von den Digital Skills ihrer Schülerinnen und Schüler zu profitieren. Das bringt alle mehr auf Augenhöhe. Im Optimalfall entsteht eine Dynamik, bei der das gemeinsame Erkunden und Hinterfragen neuer technischer Möglichkeiten im Unterricht zu größerem gegenseitigen Respekt führt.

Das zeigte sich insbesondere in der Corona-Pandemie. Ich kann mich noch gut erinnern, wie oft wir als Schülerinnen und Schüler den Unterricht retten mussten. „Könnt ihr mir sagen, wie ich meinen Bildschirm teilen kann?“, „Kann man eigentlich auch Videos in einer Konferenz hochladen?“: Sehr oft haben wir mit unseren Hinweisen dazu beigetragen, dass das Homeschooling ein bisschen besser funktionierte. Wir fanden es irgendwie cool, unseren Lehrerinnen und Lehrern manchmal in fast schon staatstragender Art und Weise Dinge erklären zu dürfen. Und sie wiederum waren dankbar, dass sie Unterstützung erhielten.

Das ist ganz explizit kein Lehrer-Bashing: Das Fortbildungsangebot war katastrophal, die Schulen waren nicht auf eine Krise vorbereitet. Dafür haben die Lehrkräfte fast immer einen beeindruckend guten Job gemacht. Aber es hat gezeigt, dass Bildung dann am besten funktioniert, wenn man nicht top down denkt. Durch die Digitalisierung wird das Klassenzimmer zunehmend ein Ort des wechselseitigen Lernens. Und das ist auch gut so.

Quentin Gärtner, Jahrgang 2007, vertrat bis November 2025 als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz (BSK) die Interessen von mehr als 7,5 Millionen Schülerinnen und Schülern gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Vorher organisierte er als International Officer die Lobbyarbeit der BSK auf europäischer Ebene. Er war geladener Sachverständiger im Verteidigungsausschuss des Bundestages, um die Perspektive junger Menschen auf das Wehrdienstmodernisierungsgesetz einzubringen. Quentin Gärtner studiert seit dem Wintersemester 2025/26 Molekulare Biotechnologie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.

Nein …

… denn Lehrkräfte verstehen sich als pädagogische Begleiter sowie Wissens- und Kompetenzvermittler, nicht als Machthabende. Natürlich spielt Autorität im Schulalltag eine Rolle, etwa bei Bewertungen oder Hausaufgaben oder bei erzieherischen Maßnahmen, die dem Lernen und Üben – auch von Regeln des sozialen Miteinanders – dienen.

Aber digitale Tools und KI-Anwendungen wie Chatbots verändern die Dynamik: Lernende können Aufgaben scheinbar mühelos automatisieren und empfinden dies teils als „Trick“ gegenüber Lehrkräften. Doch wer KI statt eigener Anstrengung nutzt, betrügt sich selbst, um wertvolle Lernzeit – gerade in der Schulzeit, die einmalige Chancen zum Entdecken, Lernen und Verstehen, zum Üben und Vertiefen bietet. (Auswendig-)Lernen bestimmter Grundlagen hilft dabei, weitere Lerninhalte – auch als Erwachsene nach der Schulzeit – leichter einzuordnen und zu verstehen.

Die pädagogische Aufgabe in dieser Situation hat zwei Seiten: Lehrkräfte müssen Kinder und Jugendliche für eigenverantwortliches Lernen sensibilisieren und gleichzeitig Aufgaben so gestalten, dass KI sinnvoll eingebunden wird – als Werkzeug, nicht als Ersatz für eigene Denk- und Lernleistung. Die Ergebnisse, die Large Language Models wie Chatbots und andere KI-Anwendungen uns zur Verfügung stellen, können wir nur dann einschätzen, wenn wir die notwendige Allgemeinbildung und Kompetenzen haben.

Im Zentrum steht nicht Macht, sondern Bildung und Erziehung zur aktiven, selbstkritischen und damit mündigen digitalen Teilhabe: Die Digitalisierung fordert neue Wege der Zusammenarbeit, um junge Menschen bestmöglich in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Bildung zu unterstützen.

Stefan Düll leitet seit Juli 2023 als Präsident den Dachverband Deutscher Lehrerverband. Hauptamtlich ist er als Schulleiter und Seminarvorstand am Justus-von-Liebig-Gymnasium Neusäß tätig. Er studierte die Fächer Deutsch, Englisch und Geschichte für das Lehramt an Gymnasien an der LMU München, der George-Washington-University, Washington, D.C., und der Universität Augsburg. Referendariat und anschließende Lehrertätigkeit folgten an verschiedenen Gymnasien in Oberbayern und Schwaben, ehe er die Schulleitung in Neusäß übernahm.

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