Interview

„Der Staat hat sich verheddert.“

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Thomas de Maizière, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung und Bundesminister a. D. (links) mit Peer Steinbrück, Landes- und Bundesminister a. D. (rechts).

Im Frühjahr 2025 hat die Initiative für einen handlungsfähigen Staat 35 Vorschläge gemacht, wie sich Deutschland modernisieren ließe. Darunter waren auch Ideen zur Bildung. Thomas de Maizière und Peer Steinbrück, zwei der vier Gründer der Initiative, erläutern, was sich ändern müsste.

Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihren ersten Schultag denken?

Thomas de Maizière: An meinen ersten Schultag habe ich keine konkrete Erinnerung. Wir waren kurz vor der Einschulung nach Hannover gezogen und alles war neu. Ich weiß allerdings noch, dass ich beim Sportunterricht keine Turnhose dabei hatte. Das war mir peinlich.

Peer Steinbrück: Für mich steht vor allem das Bild meiner Mutter und meiner Oma im Vordergrund, die mich an diesem Tag begleitet haben. Ihre Präsenz war beruhigend und bildet bis heute den emotionalen Anker für diese Erinnerung.

Was würden Sie Ihrem jüngeren Schul-Ich heute mit auf den Weg geben?

Thomas de Maizière: Ich würde mir raten, früher und konsequenter die intellektuellen Angebote wahrzunehmen. Mein späterer Zugang zu Altgriechisch und den damit verbundenen Themen hätte mich bereits in jüngeren Jahren bereichern können. Sprache eröffnet Horizonte, was ich erst sehr viel später erkannt habe.

Peer Steinbrück: Ich würde mir wünschen, dass mein jüngeres Ich die Chancen ernst genommen hätte, die die Schule bot. Ich war häufig faul, eigensinnig und unwillig. Besonders im Französischunterricht habe ich Möglichkeiten vergeben, die mir später nützlich gewesen wären. Dieses Versäumnis bedaure ich noch heute.

Welches war Ihr Lieblingsfach und welches bereitete Ihnen Schwierigkeiten?

Thomas de Maizière: Mein späteres Lieblingsfach war Altgriechisch, obwohl ich anfangs mit der Grammatik kämpfte. Der Unterricht hat meinen Blick für Sprache und Kontext geschärft. Sport mochte ich ebenfalls, obwohl der Unterricht eher improvisiert und pädagogisch wenig ausgefeilt war.

Peer Steinbrück: Mein absolutes Lieblingsfach war Geschichte. Mathematik dagegen war eine ständige Herausforderung. Sie hat mir nicht nur den Schlaf geraubt, sondern mich emotional überfordert, bis hin zu Tränen.

Peer Steinbrück, Landes- und Bundesminister a. D., war in der Initiative für die Koordination der Vorschläge zu Bildungsthemen verantwortlich.

Von wem oder wodurch haben Sie in Ihrem bisherigen Leben am meisten gelernt?

Thomas de Maizière: Vor allem durch die intensive Beschäftigung mit politischen und philosophischen Texten im Griechischunterricht. Die Sprache zwingt dazu, den Kontext mitzudenken und komplex zu denken.

Peer Steinbrück: In der Oberstufe hatte ich einen Lehrer, der trotz seiner konservativen Haltung bereit war, uns die gesamte Spannbreite politischer Ideologien und ökonomischer Ansätze zu vermitteln. Das hat mich enorm geprägt und meinen Blick geöffnet.

Was waren für Sie die ausschlaggebenden Gründe, an der Initiative für einen handlungsfähigen Staat mitzuwirken?

Thomas de Maizière: Ich habe in meiner Karriere viele staatliche Ebenen aus nächster Nähe kennengelernt: Landesregierungen, Bundesministerien und das Kanzleramt. Aus dieser Erfahrung heraus sehe ich, dass der Staat sich in vielen Bereichen verheddert hat. 75 Prozent der Menschen glauben, der Staat sei überfordert. Wir müssen die die strukturellen Voraussetzungen für staatliches Funktionieren in den Fokus rücken.

Peer Steinbrück: Mich treibt die Sorge um die Stabilität unserer Demokratie. Auch ich sehe eine massive Erosion des Vertrauens in die staatliche Handlungsfähigkeit. Wenn dieser Trend anhält, wird er zu einem Demokratieproblem. Extremistische Parteien profitieren bereits davon.

„Bildung ermöglicht ein eigenverantwortliches Leben und stiftet gesellschaftliche Integration.“

Peer Steinbrück, Landes- und Bundesminister a. D.

Warum ist Bildung für einen handlungsfähigen Staat entscheidend?

Thomas de Maizière: Bildung ist einer der zentralen Hebel für gesellschaftliche und staatliche Leistungsfähigkeit. Unsere Initiative interessiert sich mehr für die Organisation des gesamten Systems. Nur ein strukturell funktionierender Bildungssektor kann dauerhaft guten Unterricht ermöglichen.

Peer Steinbrück: Ohne ein leistungsfähiges Bildungssystem verliert eine Gesellschaft ihre Zukunftsfähigkeit. Ich sehe mindestens drei Gründe. Bildung ermöglicht ein eigenverantwortliches Leben. Sie stiftet gesellschaftliche Integration. Und sie ist essenziell für unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage des deutschen Bildungssystems?

Thomas de Maizière: Internationale Vergleichsstudien zeigen seit Jahren einen Abwärtstrend. Die üblichen Erklärungen, greifen zu kurz. Die strukturellen Defizite sind evident und schwerwiegend. Da müssen wir ran.

Peer Steinbrück: Gleichzeitig muss man differenzieren. Es gibt hervorragende Schulen, die international mithalten könnten, und solche die vernachlässigt werden. Die Divergenz innerhalb Deutschlands ist erheblich, sowohl regional als auch innerhalb derselben Schulformen.

Thomas de Maizière ist Vorstandsvorsitzender der Deutsche Telekom Stiftung und Bundesminister a. D.. Er freut sich, dass einige der Vorschläge im Koalitionsvertrag aufgegriffen wurden.

Welche Hindernisse beeinträchtigen das System am meisten?

Thomas de Maizière: Ein zentrales Hindernis ist die Fragmentierung der Verantwortlichkeiten. Schulleitungen führen formal nur das Personal, nicht aber die Organisation Schule. Der Bund darf Computer finanzieren, aber keine Software. Das alles verhindert effiziente Steuerung.

Peer Steinbrück: Der Bildungsföderalismus macht uns das Leben schwer, weil viele Entscheidungen zu langsam und nur inkonsequent umgesetzt werden. Das Verbesserungspotenzial liegt in mehr Selbstständigkeit für Schulen. So entstehen schnellere und oft auch kostengünstigere Lösungen.

Wo liegen die größten Chancen?

Thomas de Maizière: Ganz klar in einer neuen Föderalismusreform und in klaren Verantwortlichkeiten. Nur so lässt sich das System entknoten.

Peer Steinbrück: Das sehe ich ähnlich. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung für Schulleitungen und Lehrkräfte. Sie kennen die Lage vor Ort am besten und treffen meist wirtschaftlichere Entscheidungen als zentrale Verwaltungen.

Gibt es Best-Practice-Beispiele?

Thomas de Maizière: Einige europäische Länder steuern ihre Bildungssysteme deutlich klarer und konsistenter.

Peer Steinbrück: Skandinavische Länder wirken durchlässiger und bieten Kindern aus schwächeren sozialen Schichten bessere Chancen als viele andere Regionen.

Welche Empfehlungen halten Sie für besonders wichtig in den kommenden zwei bis drei Jahren?

Thomas de Maizière: Eine grundlegende Neuordnung der Verantwortlichkeiten und eine Modernisierung der föderalen Strukturen.

Peer Steinbrück: Ergänzend dazu konkrete Prioritäten: verbindliche länderübergreifende Standards zu Unterrichtsqualität, Lehrerfortbildung zur Gestaltung des Nachmittagsbereichs, Einführung moderner Curricula zu Medienkompetenz, wirtschaftliche Grundbildung, Finanzwissen und Demokratiebildung, mehr Autonomie für Schulleitungen zur Steuerung ihrer Schulen.

35 Vorschläge

Den Abschlussbericht der Initiative finden Sie auf der Website der Hertie Stiftung.
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